Auf das Trinkglas
eines verstorbenen Freundes
„Du herrlich
Glas, nun stehst du leer,
Glas, das er oft mit Lust gehoben,
Die Spinne hat rings um dich her
Indes den düstern Flor gewoben.
Jetzt sollst du mir gefüllet sein,
Mondhell mit Gold der deutschen Reben.
In deiner Tiefe heil’gen Schein
Schau ich hinaus mit frommem Beben.
Was ich erschau in deinem Grund,
Ist nicht Gewöhnlichen zu nennen,
Doch wird mir klar zu dieser Stund,
Wie nichts den Freund vom Freund kann trennen.
Auf diesem Glauben, Glas so hold,
Trink ich dich aus mit hohem Mute.
Klar spiegelt sich der Sterne Gold,
Pokal in deinem teuren Blute.
Still geht der Mond das Tal entlang.
Ernst tönt die mitternächt’ge Stunde,
Leer steht das Glas.
In dem kristallnen Grunde."
Justinus Kerner